• “Wenn du eine Idee im Kopf hast, dann probier’s einfach.”

    Ein Interview mit David Zistl, Initiator von “Flüchtlinge Willkommen” und SIA-Gewinner 2015

     

    Die aktuellen Migrationsbewegungen von Flüchtlingen stellen die europäischen Staaten vor die größte gesellschaftliche Herausforderung seit vielen Jahren und führen zu einer kontroversen Diskussion, wie die geflüchteten Menschen in unsere Gesellschaft integriert werden können. Während die Politik noch immer Schwierigkeiten hat, adäquate Lösungen anzubieten, war eine Gruppe Wiener Studenten schneller. Anfang 2015 entwickelten sie das Projekt „Flüchtlinge Willkommen“. Das Konzept ist so einfach wie wirkungsvoll: Wer ein freies Zimmer in seiner oder ihrer WG hat, bietet es über die Online-Plattform von „Flüchtlinge Willkommen“ an. Das Projekt agiert dann als Mittler und verbindet die Einheimischen mit einer lokalen NGO und einem Flüchtling. Bevor ein Mietvertrag unterschrieben wird, lernen sich der Flüchtling und der Zimmeranbieter kennen und entscheiden jeweils, ob sie sich ein Zusammenleben vorstellen können.

    Im Mai 2015 gewann “Flüchtlinge Willkommen” mit diesem Konzept den Social Impact Award in Österreich. Wir sprachen mit David Zistl, dem Gründer des Projekts, über dieses aufregende Jahr, seinen größten Herausforderungen und warum der Gewinn des Social Impact Award einen wichtigen Meilenstein darstellte.

     

    David Zistl

    David, vor etwa einem Jahr haben du und deine MitstreiterInnen “Flüchtlinge Willkommen” gestartet. Was war eure Motivation?

    “Ganz einfach: Weil die Situation von Asylsuchenden in Österreich schrecklich war und noch immer ist! Die Immigranten werden außerhalb der Stadtzentren untergebracht und haben kaum die Möglichkeit, sich mit den Einheimischen auszutauschen. Man muss sich das vor Augen führen: die österreichischen Behörden unterstützen jeden Flüchtling mit 320 € pro Monat, von denen 120 € für die Unterkunft vorgesehen sind. Für diesen Preis bekommt man einfach kein WG-Zimmer, geschweige denn eine Wohnung. Der dramatische Anstieg an Flüchtlingen im Laufe des Jahres 2015 hat dieses Problem noch verstärkt, sodass immer mehr Flüchtlinge obdachlos sind. In Traiskirchen, dem größten österreichischen Flüchtlingslager, wurden Flüchtlinge mit dem Hinweis weggeschickt, sie sollten sich selber um eine Unterkunft bemühen. Und selbst für Immigranten, die bereits einen positiven Asylbescheid erhalten haben, ist die Situation enorm schwierig, weil sie einen Einkommensnachweis brauchen, um selbst eine Wohnung mieten zu können. Es gab und gibt also einen dringenden Bedarf für ein Konzept wie unseres.“

    Nur fünf Monate nach dem Start des Projekts habt ihr im Mai 2015 den Social Impact Award gewonnen. Wie hat das eure Projektentwicklung beeinflusst?

    “Oh, das war definitiv eine große Hilfe! Noch wichtiger als die direkte finanzielle Unterstützung war, dass wir über den Award den Kontakt zur ERSTE Stiftung und anderen wichtigen Akteuren herstellen konnten, die später in unser Projekt investierten.“

    Wie habt ihr das Preisgeld eingesetzt?

    “Zuallererst hat es uns das Preisgeld ermöglicht, zwei Teammitgliedern ein kleines Gehalt auszuzahlen, um somit unsere Aktivitäten auszubauen und die Zeit zu überbrücken, bis wir höhere Investitionen – von der ERSTE Stiftung und anderen – erhielten. Aber wir haben einen Teil des Preisgeldes auch genutzt, um Flyer und anderes PR-Material zu designen und zu drucken und so unsere Öffentlichkeitsarbeit zu verbessern.“

    Was hat sich seitdem getan? Wo steht ihr mit “Flüchtlinge Willkommen” heute?

    “Das Wichtigste ist wohl, dass wir inzwischen mehr als 200 Flüchtlingen ein WG-Zimmer vermitteln konnten! Aber es geht dabei nicht nur um die bloßen Zahlen, sondern um die Einzelschicksale dahinter. Es ist einfach unglaublich zu beobachten, wie sehr das Zusammenbringen von Einheimischen und Flüchtlingen beide Seiten verändert. Nur ein Beispiel: Ein erfolgreicher Unternehmer ist an uns herangetreten und hat uns ein Zimmer in seinem Apartment angeboten. Wir haben ihn dann mit einem geflüchteten Jugendlichen zusammengebracht. Aber der Unternehmer ging noch weiter: Er organisierte dem Jugendlichen einen Schulplatz und bot ihm eine Lehrstelle in seiner eigenen Firma an, wenn er die Schule beendet.“

    Wenn du auf 2015 zurückblickst, was hat dich am meisten überrascht?

    “Dass unser Finanzierungsmodell so gut funktioniert ist eine der größten Überraschungen. Es basiert auf Kleinspenden von Mitbewohnern, Familienmitglieder oder Freunden der Einheimischen. Dank ihrer großen Solidarität waren wir in der Lage, wirklich jedes WG-Zimmer, dass uns angeboten wurde, einem Flüchtling zu vermitteln. Einmal haben wir innerhalb von zwei Tagen mehr als 2.700 € nur aus Kleinspenden zwischen 10 und 30 € eingesammelt.“

    In diesen Wochen startet der Social Impact Award in elf europäischen Ländern mit Kick-Off-Events ins neue Jahr und wieder werden tausende Studierende an Workshops teilnehmen, Ideen entwickeln und an ihrer Umsetzung arbeiten. Mit deinen Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr: Was würdest du diesen Studierenden mit auf den Weg geben?

    „Simply do it! Probier’s aus und dann wirst du sehen, ob es funktioniert oder nicht. Wenn du eine Idee im Kopf hast, probier’s einfach. Ich glaube, wir sind oft zu pessimistisch, ob neue Dinge funktionieren. Unser Beispiel zeigt, dass es klappen kann Aber natürlich muss man dafür hart arbeiten und sehr flexibel sein.“

    Lieber David, vielen Dank für das Gespräch und euch weiterhin viel Erfolg!